Eine kleine Geschichte. Eine wahre Geschichte.
48 Stunden war es her. Wir durften das größte Glück der Erde erleben und ein Kind bekommen.
Meine Frau und ich waren noch ganz betäubt von diesem Erlebnis. Betäubt von den ersten Klängen der Stimme unserer Tochter in dieser Welt.
Betäubt von der langen und schweren Geburt. Betäubt von der Erleichterung und dem körperlich kaum auszuhaltenden Gefühl der Dankbarkeit, dass alles gut gegangen war.
Bangend, zwischen Euphorie und Überforderung, ob wir unserer neuen Rolle als Eltern, dieser größten je empfundenden Verantwortung gerecht werden würden.
Erschöpft, nach den ersten im Familienzimmer durchwachten Nächten.
In 1h würden wir das Krankenhaus (ich nenne es in den Tagen zuvor und während dessen lieber Geburtshaus) mit unserer kleinen im maxi cosi (ich lerne so viele neue markennamen...:-) verlassen.
Meine Frau ist gerade zur Abschlussuntersuchung mit der Kleinen. Ich warte im Zimmer.
Da geht die Tür auf und ein junges Päärchen betritt den Raum, "checked" ein. Die Wehen haben eingesetzt.
Beide sind etwas übergewichtig, haben schwarze Haare, sehen Süd-Osteuröpäisch aus. Irgendwie wie Zigeuner, Sinthi oder so, denke ich.
In meinem ach so wundervoll aufgeklärten, vorurteilsfreien Kopf beginnt der Vorurteilsfilm zu laufen. Ich denke: "Oh mann, die sind ja selbst noch Kinder. Typisch. Oh je, ganz schön ungepflegt und sicher nicht besonders helle im Kopf. Jetzt darf ich aber nicht aufs Klo gehen. Wer weiß, ob dann mein Portemonaie noch da ist und unsere Sachen nicht durchstöbert werden. Das ist ja jetzt echt körperlich unangenehm und kein schöner Abschluss unseres Aufenthaltes...etc. etc."
Ich betrachte diese Gedanken in meinem Kopf. Mein Gott, denke ich. Du bist ja auch nicht anders. Von wegen tolerant. Von wegen Integration. Ich bin doch selbst ein Migrant. Arbeite musikalisch mit Kids aus allen Herren Ländern. Ich betrachte meine häßlichen Gedanken und entscheide sie nicht mehr zu denken. Ich sage mir: "Jetzt sprich mit den beiden. Die sind doch genau in der gleichen Situation wie wir, als wir mit Wehen das Krankenhaus betraten. Sie sind nervös, unruhig, freuen sich und haben Angst vor dem was kommt. Das sind doch Menschen. Genau wie wir."
Ich spreche ihn an. Offen. So, wie ich jedes deutsche Mittelschichtsvorzeige Päärchen angesprochen und mich so toll mit ihnen verbrüdert hätte.
Er ist 18. Kosovo Albaner. Aslyant und nur geduldet. Sie ist auch aus dem Kosovo aber hier aufgewachsen und geboren. Hat den deutschen Pass. Als er mir stolz erzählt, dass er es anders machen will, als sein Bruder, der im Gefägnis ist, stottert er leicht. Er ringt mit den Worten. Er erzählt von der größeren Wohnung (60m2), in die sie eingezogen sind. Erzählt, dass er alles alleine renoviert hat. Erzählt stolz, dass er mit zwei 400 € Jobs und einer Hilfstätigkeit auf 1.000 € im Monat kommt. Erzählt vom Kosovo und das die Menschen dort nichts haben. Dass die Hilfsgelder versickern und nicht bei den Menschen landen. Dass er für seine kleine Familie kämpfen und einfach nur ein normales Leben führen will. Als Maler und Lackierer. Fleißig arbeiten, seine Familie durchbringen.
Sie sagt plötzlich etwas auf Albanisch zu ihm. Er übersetzt mir: "Sie sagt, dass du ein guter Mensch bist. Der erste, der sich für uns interessiert. Der uns behandelt als würden wir dazu gehören. Sie mag dich."...
Meine Frau kommt mit der kleinen zurück ins Zimmer. Wir packen die Taschen. Platzieren unsere süße in diesen maxi cosi. Da kommt der junge Kosovo Albaner auf uns zu. In der Hand einen gefalteten 5 € Schein. Er strahlt. Er fragt, ob er unserer kleinen diese 5 € schenken darf. Als Startgeld für ein wundervolles Leben. Ich nicke. Bin ergriffen. Tränen. Er steckt ihr den Schein zwischen zwei Knöpfe des Stramplers. Wir umarmen uns. Natürlich nehme ich dieses Geld. Es abzulehnen würde seinen Stolz verletzen. Ich umarme ihn. Ich sage: Danke! Ich sage: "Viel Glück bei der Geburt und dann alles Glück der Erde in Eurem Leben" Wir verabschieden uns. Brechen auf in ein neues Leben. Als Eltern. Tränen laufen meiner Frau und mir über das Gesicht. Was für ein wunderschöner Moment. Was für eine Ehre Mensch zu sein. Was für ein kleiner Schritt in Köpfen, der alles verändern kann.
Danke für diesen Moment.