Wie lange haben wir auf dieses Ereignis schon hingefiebert. Es ist und bleibt ein Traum. Toll.
Endlich wieder Samstag morgens vor dem Supermarkt, noch halb verschlafen und mit dem feinen
aber würzigen Morgen-Mundgeruch den versammelten Fähnchen und Schirmfriedhof der Partei-Soldaten einmal von halb-Links nach halb-Rechts abschreiten, bzw. die Fluchtlücke zurück zum Auto suchen. Dann von einem älteren Herrn - in seiner Partei jedoch noch ein Frischling - gestoppt werden, der mahnt "Sie gehen doch zur Europa Wahl?". Ein wundervoller ein paar Knochen lädierender Händedruck und noch während der Senior mir bedeutungsvoll den Untergang der Welt andeutet, falls ich nicht wählen gehe, presst eine weitere Parteilsoldatin ein 100 seitiges Europawahlprogramm in meine Einkaufstüte und zerquetscht damit die Eier, das Joghurt und das Stück Torte, mit dem ich meine schlaftrunkene Familie überraschen wollte.
Schweißgebadet beschließe ich am nächsten Wochenende im nahegelegenen nicht EU Ausland einkaufen zu gehen...
Szenenwechsel:
Die Hermien Wotzlitz Band baut auf. Die Stadthalle sollte es sein. Parteistratege Wollny hatte einen cleveren Plan: Die stadtbekannte Hermien Wotzlitz Band, bekannt unter anderem durch Ihren Lokalfunkgassenhauer "Noch ein Röschen Mett" sollte die Stadthalle mit ahnungslosen und noch politikverdrossenen Fans der Band füllen. Dann - in der Pause - würde Bürgermeisterkandidat Lutz Furche ein flammendes Bekenntnis zur Stadt in die Lautsprecher donnern, bevor Europkandidat Xiniu Xaxis, der Quotengrieche im Ortsverein seinen 30 Punkte Plan für Europa präsentiert.
Die Pause würde dadurch zwar ca. 80 Minuten dauern, aufgrund der Magnetwirkung der Wotzlitz Band würde das ahnungslose Volk ausreichend lange ausharren, um am Ende des Tages Wähler oder noch formvollendeter "Mitglied" zu werden.
Platz ist für 500 Leute.
In Rage fabuliert Xiniu Xaxis Punkt 30 seines Planes für Europa in die Halle. Halle, dieses Wort schein heute wirklich von "Hall" zu kommen. Die Anwesenden 47 Besucher (davon 44 Parteimitglieder) bilden keinen Schallschluckresonanzkörper und die von Hecki Hamtor (im wahren Leben Müllwerker, nebenberuflich Hobby DJ) aufgebaute Tonanlage tut in Ihrer rostigen Qualität das Übrige.
Der "Sound" schallt wie ein Ping Pong Ball durch die Stadthalle, die einen eisigen Wind beherbergt, der wie ein Trichtertornado seine Kreise zieht. Die 45 Jahre alte Kälte bzw. Wärmeanlage schwächelt...
Die 3 Nicht Parteimitglieder schlafen seelig in Ihren Kinderwagen und kriegen von der gelungenen Veranstaltung nichts mit. Einnahmen von 500 € stehen den Ausgaben für das Bandschnäppchen von 7.000,00 € (Wollny hatte knallhart verhandelt) gegenüber. Nach diesem Wahlkampfpaukenschlag dürfte dem Wahlsieg bei der Europa Wahl nichts mehr im Wege stehen, zumal der Jurist und Imbissbesitzer Xaxis Ouzo und Tsaziki für alle versprochen hat, wenn er gewählt würde.
Hermien Wotzlitz sitzt im Backstage Bereich (der Gang vor dem Herrenklo wurde hübsch als Garderobe hergerichtet) und weint...Eigentlich wollte er Jazzmusiker werden...mit 20 verkauften LP´s in drei Jahren musste er jedoch einsehen, dass er entweder sterben oder Schlager machen mußte...und jetzt war er hier: In der Stadthalle.
Euer Barry White What